Die Amazigh-Kultur, eine der ältesten der Welt, geht zurück auf ein Naturvolk, das in Nordafrika bereits lange vor den Eroberern aus dem arabischen und europäischen Raum zuhause war. Die prähistorischen Imazighen hingen spirituell-religiösen Vorstellungen einer Allbeseeltheit der Natur an. In der vorislamischen Zeit verehrten sie das Weibliche als eine Göttin; Frauen waren bei Stammesentscheidungen gleichgestellt. Weltreiche kamen und gingen seither. Die Amazigh-Kultur konnte einige Teile ihrer Identität und Sprache bis in die Gegenwart tradieren.
Eine kurze Geschichte der
letzten 3.300 Jahre
Die Praxis, Frauen in ritualisierter Weise zu tätowieren, könnte in der Amazigh-Kultur bereits 1.300 v. Chr. begonnen haben. Auf weiblichen Mumien gefundene Hinweise deuten darauf hin. Die Forschung vermutet zunächst den Einfluss der Ägypter, die bereits 3000 v. Chr. Frauen im Zusammenhang mit der Verehrung weiblicher Gottheiten tätowierten; später auch seitens der Karthager.
Als die nordafrikanischen Gebiete in der Antike vom Römischen Reich einverleibt wurden, bezeichneten die damaligen Weltherrscher sämtliche Völker, die kein Latein sprachen, als „Barbari“. Als „Berber“ kennen wir das geringschätzige Wort immer noch im Deutschen. Diskriminierung und Unterdrückung haben die Angehörigen dieser indigenen Ethnien im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erfahren.
Doch seit der Römerzeit nennen sie sich selbst „freie Menschen“ (sg. Amazigh, pl. Imazighen). Und sie blieben dabei, auch als Mitte des 7. Jahrhunderts der Islam unter den Amazigh-Stämmen Verbreitung fand. Die Tätowierpraxis wurden von den Frauen fortgesetzt, ungeachtet des Verbots von Körperveränderungen nach islamischem Recht. Zu wichtig war die prophylaktische Magie, um den bösen Blick und böse Geister abzuwehren, die durch Wind und Erde reisen. Die Tätowierungen an Gesicht, Hals und Händen erhalten die Frauen des Stammes, wenn sie das Erwachsenenalter, bestimmte Lebensabschnitte oder Erfahrungsstufen erreichen. Jedes einzelne Motiv wird nur zum Schutz und zur Übertragung von Energie auf die Empfängerin angewendet.
Ihre Sprache, das Tamazight, ist eigentlich ein Oberbegriff für mehrere Sprachen und Dialekte. Heute wird es von knapp 40 Millionen Menschen gesprochen. Auch ein eigenes Alphabet, die Tifinagh Schrift, existiert. Damit werden neben dem Tamazight weitere Sprachen von Ethnien des westlichen Nordafrika verschriftlicht, die sich von der arabischen Mehrheitsgesellschaft auch kulturell unterscheiden.
Kulturelle Emanzipation
in der Moderne
Erst im 21. Jahrhundert wurde die Amazigh-Kultur als Teil der nationalen Identität Marokkos anerkannt. Seit 2011 gilt Tamazight in Marokko als zweite offizielle Sprache neben dem Arabischen. Mit Französisch, der kolonialgeschichtlich bedingten Amtssprache Marokkos, sind einige Teile der Bevölkerung dreisprachig. Das Stadt-Land-Gefälle bei Armut und Bildung ist allerdings erheblich, dazu kommt die signifikante Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft.
Wenn man sich der Amazigh-Kultur nähert, muss man – wie gegenüber allen indigenen Stämmen des Planeten – mit respektvoller Neugierde vorgehen. Ihre Geschichte und Ästhetik, ihre Bräuche und bedeutsamen Tätowierungen wurde den Ältesten von Generation zu Generation anvertraut. All dies zeugt von Stolz und Würde, Teil der Amazigh-Energie zu sein.
Der traditionellen und gleichzeitig weltoffenen, zuvorkommenden Art dieser Menschen kann man sich kaum verschließen. Ihre tief verwurzelte Gastfreundschaft, ihr kreativer Reichtum und die vielfältigen handwerklichen Traditionen gehören zum friedlichen, wertvollen Erbe der Menschheit.
Wir unterstützen die „freien Menschen“ in ihrem Können, um sie wirtschaftlich zu stärken und ihre Welt ein bisschen besser zu machen – erst recht nach dem verheerenden Erdbeben im September 2023. Gleichzeitig möchten wir unserer Welt in Europa zeigen, wie sich Autarkie-Förderung, Weltoffenheit und Respekt verbinden lassen. Zu einem konstruktiven Miteinander, zum Wohle aller Beteiligten.